Inkasso Großbritannien nach Brexit
Inkasso Großbritannien nach Brexit: Was EU-Gläubiger jetzt wissen müssen
Schnellübersicht
Parameter Detail Verjährung (Vertragsforderungen) 6 Jahre (Limitation Act 1980, s. 5) — England & Wales. Schottland: 5 Jahre (Prescription and Limitation Act 1973) EU-Verordnungen nach Brexit EuMahnVO (VO 1896/2006) und EuGVVO (VO 1215/2012) gelten NICHT mehr im UK Verzugszins B2B Bank-of-England-Leitzins + 8 Prozentpunkte (Late Payment Act 1998). Aktuell: 12,50 % Schnellverfahren Statutory Demand (Insolvency Act 1986) + County Court Money Claim Vollstreckung EU-Titel Common-Law-Verfahren (Action on Foreign Judgment) oder Hague Convention 2005
Was ein Inkassobüro in Großbritannien konkret tut
Phase 1 — Schuldnerermittlung und Bonitätsprüfung
Die Informationsquellen im Vereinigten Königreich sind im internationalen Vergleich hervorragend:
- Companies House: Kostenlose Online-Datenbank mit Gesellschaftsregisterauszügen, Jahresabschlüssen, Geschäftsführerinformationen und Eintragungen zu winding-up petitions
- County Court Judgments (CCJ) Register: Verzeichnis aller gegen das Unternehmen ergangenen Zahlungsurteile
- Insolvency Register: Prüfung auf laufende Insolvenzverfahren (administration, liquidation, company voluntary arrangement)
- Credit-Reference-Agencies: Experian, Dun & Bradstreet — detaillierte Bonitätsberichte mit Zahlungserfahrungsdaten
Ein Schuldner in administration genießt ein moratorium: Vollstreckungsmaßnahmen sind ohne Zustimmung des administrator gesperrt (Insolvency Act 1986, Schedule B1, para. 43).
Phase 2 — Außergerichtliches Inkasso (Pre-Action Protocol)
Das englische Recht kennt die Pre-Action Protocols (Practice Direction — Pre-Action Conduct). Vor Klageerhebung muss der Gläubiger nachweisen, dass er den Schuldner:
- Schriftlich zur Zahlung aufgefordert hat (Letter Before Action, LBA)
- Eine angemessene Frist (in der Regel 14-30 Tage) eingeräumt hat
- Alternative Streitbeilegung (ADR) in Betracht gezogen hat
Ein Letter Before Action, der die Forderung spezifiziert, Verzugszinsen berechnet und eine klare Frist setzt, ist keine Formalität — englische Gerichte können Kostensanktionen verhängen, wenn das Pre-Action Protocol nicht eingehalten wurde.
Das Inkassobüro versendet den LBA auf Englisch, beziffert die Forderung einschließlich statutory interest und setzt eine 14-Tage-Frist.
Phase 3 — Gerichtliche Durchsetzung
Wenn der Schuldner nicht zahlt, stehen mehrere Wege offen:
County Court Money Claim (CCMC):
Für Forderungen bis 100.000 GBP das Standardverfahren. Die Klage kann online über den Money Claim Online Service (MCOL) eingereicht werden. Wenn der Schuldner nicht reagiert (default), ergeht ein Versäumnisurteil (default judgment) — oft innerhalb von 14-21 Tagen.
High Court Claim:
Für Forderungen über 100.000 GBP oder komplexe Sachverhalte. Eingereicht beim High Court of Justice, Queen's Bench Division.
Statutory Demand:
Für unbestrittene Forderungen über 750 GBP ein wirkungsvolles Druckmittel: Eine Statutory Demand nach Section 123(1)(a) Insolvency Act 1986 gibt dem Schuldner 21 Tage zur Zahlung. Reagiert er nicht, kann der Gläubiger eine winding-up petition einreichen — die Androhung einer Insolvenz hat erhebliche Hebelwirkung.
Phase 4 — Vollstreckung (Enforcement)
Ein County Court Judgment (CCJ) oder High Court Judgment wird vollstreckt durch:
- Third Party Debt Order: Einfrieren und Auszahlung von Bankguthaben des Schuldners (CPR Part 72)
- Writ of Control / Warrant of Control: Pfändung beweglicher Vermögensgegenstände durch einen High Court Enforcement Officer (HCEO)
- Charging Order: Eintragung einer Sicherungshypothek auf Immobilien des Schuldners (CPR Part 73)
- Attachment of Earnings Order: Pfändung laufender Einkünfte (bei Einzelunternehmern)
- Insolvency Proceedings: Als letztes Mittel — Antrag auf winding-up (Zwangsliquidation)
Die Brexit-Durchsetzungslücke: Was sich geändert hat
Vor dem Brexit (bis 31.12.2020)
EU-Gläubiger konnten sich auf ein dichtes Netz europäischer Verordnungen stützen:
- EuGVVO (VO 1215/2012, Brüssel Ia): Automatische Anerkennung und Vollstreckung von Urteilen ohne Exequatur
- EuMahnVO (VO 1896/2006): Europäisches Mahnverfahren — grenzüberschreitender Mahnbescheid
- EuVTVO (VO 805/2004): Europäischer Vollstreckungstitel für unbestrittene Forderungen
- EuBagatellVO (VO 861/2007): Vereinfachtes Verfahren für Forderungen bis 5.000 EUR
Nach dem Brexit (ab 01.01.2021)
Keine dieser Verordnungen gilt im Vereinigten Königreich. Das Withdrawal Agreement sichert nur Übergangsfälle (Verfahren, die vor dem 31.12.2020 eingeleitet wurden).
Für neue Fälle gibt es zwei Wege:
1. Haager Übereinkommen über Gerichtsstandsvereinbarungen 2005:
Gilt zwischen der EU und dem UK seit dem 01.01.2021, greift aber nur, wenn die Parteien eine exklusive Gerichtsstandsvereinbarung zugunsten eines Gerichts einer Vertragspartei getroffen haben. Ohne eine solche Klausel im Vertrag — kein Anwendungsbereich.
2. Common-Law-Verfahren (Action on Foreign Judgment):
Wenn kein Abkommen greift, muss ein EU-Urteil in England durch eine separate Klage (action on the judgment debt) anerkannt werden. Das Gericht prüft:
- Ob das ausländische Gericht nach englischem Recht zuständig war
- Ob das Urteil endgültig und beziffert ist
- Ob keine Versagungsgründe vorliegen (z. B. Verstoß gegen public policy, Betrug)
Das Verfahren dauert 2-6 Monate, ist aber bei klaren Fällen regelmäßig erfolgreich.
Praxisempfehlung: Klagen Sie im Zweifel direkt in England. Die direkte Klage über den Money Claim Online Service ist oft schneller und günstiger als der Umweg über ein EU-Urteil mit anschließendem Anerkennungsverfahren.
Verjährung: England, Schottland, Nordirland
England & Wales
Der Limitation Act 1980 setzt folgende Fristen:
- 6 Jahre für Vertragsforderungen (s. 5) — ab dem Zeitpunkt der Fälligkeit (cause of action accrued)
- 12 Jahre für Forderungen aus einer deed (Urkunde unter Siegel, s. 8)
- 6 Jahre für Schadensersatzforderungen (tort, s. 2)
Schottland
Der Prescription and Limitation (Scotland) Act 1973 kennt eine kürzere Frist:
- 5 Jahre für Vertragsforderungen (s. 6) — prescriptive period
Nordirland
Analog zu England & Wales: 6 Jahre (Limitation (Northern Ireland) Order 1989).
Unterbrechung der Verjährung
Im englischen Recht gibt es keine „Unterbrechung" durch Mahnung wie in kontinentaleuropäischen Rechtsordnungen. Die Verjährung wird nur neu in Gang gesetzt durch:
- Klageerhebung (issue of claim form)
- Schriftliche Anerkennung der Schuld durch den Schuldner (s. 29 Limitation Act 1980)
- Teilzahlung durch den Schuldner (s. 29(5) Limitation Act 1980)
Ein bloßer Letter Before Action unterbricht die Verjährung nicht.
Verzugszinsen: Late Payment of Commercial Debts (Interest) Act 1998
Das Vereinigte Königreich hat die EU-Zahlungsverzugsrichtlinie durch den Late Payment of Commercial Debts (Interest) Act 1998 umgesetzt — und dieses Gesetz gilt nach dem Brexit unverändert fort.
Wesentliche Regelungen:
- Zinssatz: Bank-of-England-Referenzzinssatz + 8 Prozentpunkte. Bei einem BoE-Satz von 4,50 %: 12,50 % p.a.
- Automatischer Zinslauf: 30 Tage nach Rechnungszugang oder Lieferung (je nachdem, was später eintritt), sofern kein anderes Zahlungsziel vereinbart ist
- Pauschale Beitreibungskosten: Gestaffelt nach Forderungshöhe:
- Bis 999,99 GBP: 40 GBP
- 1.000 bis 9.999,99 GBP: 70 GBP
- Ab 10.000 GBP: 100 GBP
- Zwingendes Recht: Vertragliche Ausschlüsse zum Nachteil des Gläubigers sind unwirksam
Zinsberechnung am Beispiel
Offene Forderung: 75.000 GBP
Fälligkeit: 01. Juni 2023
Berechnung per 16. April 2026: ca. 1.050 Tage Verzug
Zinsen: 75.000 GBP × 12,50 % × (1.050/365) = 26.967 GBP
Pauschale: 100 GBP
Gesamtanspruch: 75.000 + 26.967 + 100 = 102.067 GBP
Vergleich: UK vs. Deutschland vs. Frankreich
Kriterium Großbritannien (E&W) Deutschland Frankreich Verjährung 6 Jahre 3 Jahre 5 Jahre Unterbrechung durch Mahnung Nein Nein (nur Hemmung) Ja Verzugszins B2B BoE + 8 % EZB + 9 % EZB + 8 % EU-Mahnverfahren Nein (seit Brexit) Ja Ja EU-Urteilsvollstreckung (Brüssel Ia) Nein (seit Brexit) Ja Ja Online-Klageeinreichung Ja (Money Claim Online) Teilweise Nein Statutory Demand (Insolvenzdrohung) Ja (ab 750 GBP) Nein (Insolvenzantrag erst bei Zahlungsunfähigkeit) Nein
Eigene Analyse: Risiken und Chancen nach dem Brexit
Chancen:
Die britische Justiz ist im internationalen Vergleich schnell und effizient. Ein unbestrittener Money Claim führt in 3-4 Wochen zum Default Judgment. Die Statutory Demand ist ein Druckmittel ohne Äquivalent im kontinentaleuropäischen Recht. Die 6-jährige Verjährungsfrist verschafft Gläubigern mehr Spielraum als das deutsche Recht.
Risiken:
Der Wegfall der EU-Verordnungen ist ein echtes Hindernis. Wer bereits ein EU-Urteil hat, muss es in England separat anerkennen lassen — ein zusätzlicher Zeit- und Kostenfaktor. Ohne exklusive Gerichtsstandsvereinbarung greift das Haager Übereinkommen 2005 nicht.
Währungsrisiko: Forderungen in GBP unterliegen dem Wechselkursrisiko. Seit dem Brexit-Referendum 2016 hat das Pfund gegenüber dem Euro rund 10 % verloren. Vertragliche Euroverrechnungsklauseln sind empfehlenswert.
Strategieempfehlung: Für neue Verträge mit britischen Kunden: exklusive Gerichtsstandsklausel zugunsten eines englischen Gerichts. Das vermeidet den Umweg über Anerkennung und nutzt die Effizienz des englischen Systems.
Wann Sie KEIN Inkasso in Großbritannien einleiten sollten
- Der Schuldner befindet sich in administration oder liquidation: Vollstreckungsmaßnahmen sind gesperrt (Insolvency Act 1986, Schedule B1)
- Die Forderung ist unter 750 GBP: Die Kosten des Verfahrens übersteigen den Ertrag. Eine Statutory Demand ist erst ab 750 GBP zulässig.
- Kein schriftlicher Vertrag und keine Rechnung vorhanden: Ohne Dokumentation ist ein Money Claim riskant.
- Die Forderung ist in einer Fremdwährung und der Schuldner bestreitet den Wechselkurs: Währungsstreitigkeiten verkomplizieren das Verfahren erheblich.
Belegbare Fakten
- Die durchschnittliche Zahlungsverzögerung im UK liegt bei 16 Tagen über das vereinbarte Zahlungsziel (Atradius Payment Practices Barometer UK 2024).
- 2024 wurden im Vereinigten Königreich 25.551 Unternehmensinsolvenzen registriert — der höchste Wert seit 2009 (The Insolvency Service, Official Statistics Q4 2024).
- 67 % aller County Court Money Claims enden mit einem Default Judgment, weil der Beklagte nicht reagiert (HM Courts & Tribunals Service, Civil Justice Statistics 2024).
- Die Gerichtsgebühr (court fee) für einen Online Money Claim über 75.000 GBP beträgt 5 % des Streitwerts: 3.750 GBP (HMCTS Fee Schedule 2024).
Häufige Fragen
Kann ich mein deutsches Urteil in England nach dem Brexit noch vollstrecken?
Ja, aber nicht mehr automatisch. Sie müssen eine separate Klage in England erheben (action on the judgment debt). Das Gericht prüft die Zuständigkeit des deutschen Gerichts und die Endgültigkeit des Urteils. Alternativ: Wenn Ihr Vertrag eine exklusive Gerichtsstandsvereinbarung enthält, greift das Haager Übereinkommen 2005.
Wie funktioniert eine Statutory Demand?
Eine Statutory Demand ist eine formelle Zahlungsaufforderung nach Section 123(1)(a) Insolvency Act 1986. Der Schuldner hat 21 Tage zur Zahlung. Reagiert er nicht, kann der Gläubiger eine winding-up petition einreichen. Allein die Zustellung bewirkt oft Zahlung, weil eine winding-up petition im Companies House Register erscheint und Geschäftsbeziehungen gefährdet.
Brauche ich einen englischen Solicitor?
Für die außergerichtliche Phase nicht. Für die Klageerhebung am High Court ist ein Solicitor erforderlich. Beim County Court kann auch eine natürliche Person selbst klagen (litigant in person), aber ein Inkassobüro oder Solicitor ist dringend empfohlen.
Gelten in Schottland andere Regeln?
Ja. Schottland hat ein eigenes Rechtssystem. Die Verjährung beträgt 5 statt 6 Jahre. Das Verfahren heißt Sheriff Court Action statt County Court Claim. Die materiellen Inkassoprinzipien sind aber vergleichbar.
Wie lange dauert ein Money Claim in England?
Bei unbestrittenem Default Judgment: 3-4 Wochen ab Klageeinreichung. Bei bestrittenem Verfahren (defended claim): 6-12 Monate bis zum Urteil, je nach Gericht und Komplexität.
Quellen und Rechtsgrundlagen
- Limitation Act 1980, s. 5 — Verjährung vertraglicher Ansprüche (6 Jahre)
- Late Payment of Commercial Debts (Interest) Act 1998 — Verzugszinsen B2B
- Insolvency Act 1986, s. 123 — Statutory Demand und winding-up
- Civil Procedure Rules (CPR), Part 72 — Third Party Debt Orders
- Civil Procedure Rules (CPR), Part 73 — Charging Orders
- Haager Übereinkommen über Gerichtsstandsvereinbarungen 2005 — HCCH
- Verordnung (EU) 1215/2012 (Brüssel Ia) — gilt im UK seit 01.01.2021 nicht mehr
- Verordnung (EG) 1896/2006 (EuMahnVO) — gilt im UK seit 01.01.2021 nicht mehr
- Prescription and Limitation (Scotland) Act 1973 — Verjährung Schottland (5 Jahre)
- HM Courts & Tribunals Service — Civil Justice Statistics 2024
- The Insolvency Service — Official Insolvency Statistics 2024
- Atradius Payment Practices Barometer UK 2024
Fall einreichen — cosmodca.com



